Gabrielle Duplantier
24Jan

GOJIRA + Alien Weaponry + Employed To Serve

Veranstalter: Trinity Music
Einlass: 19:00
Beginn: 20:00
Tickets kaufen
VVK: ab 34,00€ (zzgl. Gebühren) Abendkasse: 40,00€

Gojira neigen dazu, sich in Extremen zu bewegen. „Ich kann nicht anders als die Menschheit als einen Parasiten zu betrachten“, erklärt Joe Duplantier, Mitbegründer, Gitarrist und hauptsächlicher Songwriter der Band, „und doch bringen Menschen die wunderschönsten Dinge hervor“. Aus diesem Grund hat das französische Quartett – Duplantier und sein Bruder Mario [Drums], Christian Andreu [Gitarre] und Jean-Michel Labadie [Bass] – die vergangenen 15 Jahre damit zugebracht, diese Dualität in einen unverkennbaren Sound zu übersetzen: düsterer, zermalmender Metal, aufgehellt durch triumphale, stadiontaugliche Melodien, stark im Kontrast und emotional aufgeladen.

Auf ihrem letzten, 2016 veröffentlichten Album „Magma“ fanden Gojira Stärke – und Crossover-Erfolg – durch eine bemerkenswerte Hingabe zur Selbstreflexion. Das extrem persönliche Werk, von den Duplantier-Brüdern im Gedenken an ihre verstorbene Mutter geschrieben, war ein ebenso schmerzhafter wie entscheidender Wendepunkt für die französische Band. Das Album brachte Gojira zwei Grammy-Nominierungen ein – „Best Rock Album“ und „Best Metal Performance“ (für „Silvera“) – und eroberte bei seiner Veröffentlichung Platz 1 der Billboard „Hard Rock Albums“-Charts, als erste französische Band überhaupt. In den übergreifenden Billboard 200 kam „Magma“ bis auf Platz 24, in Deutschland erreichte das Werk Platz 14. Es folgten diverse weltweite Headlinertouren, darrunter Konzerte mit Metallica. Nach „Magma“ waren Gojira nicht mehr nur eine der größten Metalbands der Szene – sie waren eine der größten Rockbands auf der Welt.

So geehrt sich Duplantier von dem Erfolg des Albums fühlte, erschöpfte ihn die Ehrenrunde doch auch ­– und löste in ihm den Wunsch aus, das nächste Kapitel aufzuschlagen. „’Magma’ markierte einen traurigen Moment in unserem Leben“, erklärt Joe. „Wir brachten unsere Trauer zum Ausdruck, daher war es ziemlich heavy: nicht nur der Prozess der Albumentstehung, sondern auch darüber zu sprechen, die Songs zu spielen und all die Interviews in dieser nicht ganz einfachen Zeit in unserem Leben zu führen.“

Und so trafen Gojira eine gemeinsame Entscheidung: auf Album Nummer 7, „Fortitude“, würden sie verdammt noch mal Spaß haben. Ende 2019 kehrten die Duplantier-Brüder in das Silver Cord Studio zurück, ihr Hauptquartier in Ridgewood, Queens, um mit den Arbeiten an dem neuen, selbstproduzierten Gojira-Material zu beginnen, ausgehend von Ideen, die sie über die vergangenen zwei Jahre entwickelt hatten. „Mit diesem Album wollten wir mit mehr Freude, mehr Power und einer insgesamt positiveren Haltung zum Leben zurückkehren“, erklärt Joe. „Wir haben so ein Glück, tun zu können, was wir lieben. Es ist nicht so, als seien wir depressiv oder so etwas, aber wir hatten etwas in unserem System, das rausmusste – ‚Magma’ – und wir hatten das Gefühl, dass es Zeit für etwas anderes ist, etwas, in dem sich alles um Stärke dreht.“

„Der Schreibprozess war sehr spannend und aufregend“, fügt Mario hinzu. „Joe und ich vertieften uns wirklich in jeden Song, widmeten den Strukturen und Arrangements besondere Aufmerksamkeit. Jede Idee, jedes einzelne Riff wurde mit einem feinzahnigen Kamm analysiert, alles von der Tonalität jedes Instruments und verwendeten Tonleitern bis zu den Dynamiken, Interpretationen und Tempi. Wir überließen nichts dem Zufall.“

Natürlich hatte 2020 andere Pläne. Gerade, als sich „Fortitude“ der Fertigstellung näherte – mitten im Mixing-Prozess, um genau zu sein – schlug Covid-19 zu und brachte Gojira wie auch den Rest der Welt zu einem abrupten Stillstand. Während er den Lockdown daheim in Frankreich mit seiner Familie verbrachte, nahm Joe die Songs aus einer post-pandemischen Perspektive noch einmal gründlich in Augenschein. Er stellte fest: nicht nur passten sie in die turbulente Zeit, sondern waren in der Rückschau geradezu prophetisch. „Auf eine Weise wurden diese Songs für mich mit einer neuen Bedeutung noch einmal wiedergeboren“, sagt er dazu. „Jeder jemals geschriebene Song bekommt aktuell einen anderen Nachklang, doch es ist fast so, als hätten wir im Gefühl gehabt, dass all dies passieren würde.“

Um eines klarzustellen: „Fortitude“ ist nicht als musikalische Flucht gedacht, um der endlosen weltweiten Misere zu entkommen, ganz im Gegenteil: eine Serie scharfer Motivationsreden drängt die Menschheit dazu, sich eine neue Welt auszumalen – und dann in die Wirklichkeit umzusetzen. „Los jetzt! Komm wieder auf die Beine! Auf geht’s“, sagt Joe über die Leitmotive des Albums und schlüpft dafür kurz in die Rolle eines Lebens-Coaches. „Jeder will das ab und an mal hören und wir wollen genau das für die Leute sein: die kleine Stimme in deinem Kopf, die dir sagt, dass du ein knallharter Typ bist und dass du es schaffen kannst.“

Die erste Single „Born For One Thing“ beginnt das Album in typischer Gojira-Manier: hyper-fokussiert, doch aus dem Gleichgewicht gebracht, streitlustig und doch mitfühlend. „Wir müssen lernen, uns von allem zu lösen, beginnend mit tatsächlichen Dingen“, sagt Sänger / Gitarrist Joe Duplantier über die Anti-Konsum-Botschaft des Songs, die in Teilen von den tibetanischen und thailändischen Philosophen inspiriert ist, die er zu Zeiten seiner Jugend in Frankreich las. „Häufe weniger Besitztümer an und gib weg, was du nicht benötigst, denn eines Tages müssen wir uns von allem trennen und wenn wir es nicht tun, werden wir einfach nur zu Geistern, die zwischen den Dimensionen gefangen sind.“

Auf „Amazonia“, einem opulenten Kracher, der mit indigenen Folk-Instrumenten und Sepultura-inspirierten Groove-Metal-Rhythmen durchwoben ist, wenden sich Gojira weltlicheren Belangen zu. Die Klanglandschaften schlängeln sich wie ein Bach durch eine grüne Wiese, doch die Themen sind alles andere als idyllisch, als Duplantier den gefährdeten Amazonas-Regenwald betrachtet und feststellen muss: „The greatest miracle/ Is burning to the ground”. Die Erlöse des Songs kommen den indigenen Guarani- und Kaiowa-Stämmen zugute, womit Gojira ihre seit jeher bestehende Tradition fortführen, ihre Musik als Vehikel für Umweltaktivismus zu nutzen (ihre Partnerschaft mit der Sea Shepherd Conservation Society reicht über ein Jahrzehnt zurück). „Wir wollen nicht einfach nur einen Song namens ‚Amazonia’ veröffentlichen, sondern darüber hinaus auch wirklich etwas tun“, erklärt Joe. „Wir fühlen eine Verantwortung als Künstler, den Menschen einen Weg aufzuzeigen, wie sie aktiv werden können.

Die Album gewordene Aufforderung zum Handeln erreicht ihren Höhepunkt mit „The Chant“, einem schwelenden Track, den Mario als Gojiras bisher melodischstes Material ausmacht. Waren die vergangenen Hymnen von nuancierten Dynamiken und technischen Gitarrenarrangements getragen, ist „The Chant“ ein „Heilungsritual“, wie die Band es selbst nennt. Der Song verströmt eine urzeitliche Wärme, die in einem an Harmonien reichen Refrain mündet, der eine Brücke zwischen alten Weisen und zeitgenössischem Rock schlägt, Joes Schlachtruf im Refrain – „get strong!“ – kann getrost als das Mantra von „Fortitude“ bezeichnet werden. Es ist zugleich das Leitbild der Band auf dem Weg in dieses neue, unsichere Jahrzehnt. Gojira strauchelten, Gojira blieben standhaft, Gojira erhoben sich. Jetzt seid ihr dran… der Soundtrack dazu steht bereit.